68 Skizzen — 1 Porträt

Einze­lausstel­lung 2008, Bauhof Ober­hauser-Schedler Bau
Vernissagerede: Mag. Thomas Schiretz

2003 startete Schwarz mit dem Zyk­lus „68 Skizzen — 1 Porträt“. Eine Serie von foto­re­al­is­tis­chen Porträts im For­mat 70 x 100 cm und gän­zlich in schwarz-weiß gehal­ten. Bei dieser Serie standen nicht die abge­bilde­ten Per­so­nen im Mit­telpunkt son­dern der Aus­druck der einzel­nen Arbeiten. Die Ver­wen­dung von Frauen­porträts als Vor­lage — jedoch nicht als strikte Wahrheit. Ein Selb­st­porträt durch namen­lose Gesichter.

Durch die Ver­wen­dung von spiegel­n­dem Glas entzieht sich das Dargestellte, es entste­hen Stellen ohne vorgegebene Bild­in­for­ma­tion, die Platz schaf­fen für das, was im Ver­bor­ge­nen bleibt.

Har­ald Schwarz ist ein „Jenseitsführer“. Er führt uns mit seinen Arbeiten in das Pur­ga­to­rio, in das Fege­feuer, um den Betra­chtern den voyeuris­tis­chen Blick auszutreiben. Schwarz ist ein Per­fek­tion­ist, der den Voyeur mit radikalen Mit­teln zwingt, sein Ver­steck aufzugeben und sich sein­er­seits der Betra­ch­tung auszuliefern, dem (nahezu) unerträglichen Zus­tand des erwiderten Blicks aus­ge­setzt. Ist das Glas nach Wal­ter Ben­jamin der Feind des Geheimnisses, so ist bei Har­ald Schwarz speziell das ver­spiegelte Glas ein Gefährte, ein Fre­und des Geheimnisses. Sein Glas trübt die Durch­sichtigkeit, es spiegelt. Unweiger­lich scheit­ert man, will man das Darun­ter­liegende auf Anhieb ent­decken. Man ist, kon­fron­tiert man sich mit den Werken von Har­ald Schwarz, triv­ial gesagt, sich selbst im Weg. Man steht sich selbst im Weg. Das Ich und seine Umge­bung wird unen­twegt in dem zu schauen­den Bild gespiegelt. Das Auge muss immer wieder neu fokussieren, sich zu einem erkennbaren Detail vor­tas­ten, abwä­gen, und erst nach einer bes­timmten „Anpas­sungsphase“ öffnet sich das Bild dem Betra­chter. Wir erin­nern uns: „Du musst auf einem anderen Wege gehen…“

Har­ald Schwarz ist unbarmherzig und zwingt uns zu einem gle­ich­sam pornographis­chen Blick, den Blick fürs Detail. Aus den Details und Auss­chnit­ten, den Close-Ups, wer­den bei näherem Betra­chten flächen­deck­ende, iden­ti­fizier­bare Arbeiten. Hat man diese eine Hürde auf dem Weg zur Iden­ti­fizierung genom­men, wartet unverse­hens eine weit­ere. „Bis hier­her und keinen Schritt weiter!“, sig­nal­isieren die Por­traits von Har­ald Schwarz dem Betra­chter und damit den Anspruch auf eine Intim­sphäre – als woll­ten sie ihre Intim­ität schützen. Es geht um das span­nende Spiel, dass Dinge gezeigt und gle­ichzeitig nicht gezeigt wer­den. Stellen sie etwas zur Schau, das dann doch im Ver­bor­ge­nen bleibt? Ein „Schwarz(sch)es“ Kalkül?

Har­ald Schwarz, dessen ein­st­ma­liges Zuhause die Fotografie und die virtuelle Welt, das Mor­ph­ing und das Web­dress­ing waren, ent­larvt diese Welt nun als insze­niertes, manip­ulieren­des Medium. Denn kaum eine fotografis­che Tech­nik fordert und erzeugt so viel Präzi­sion wie die Detail­ge­nauigkeit und den hohen Authen­tiz­itäts­grad seiner Bilder.

Licht und Zeit man­i­festieren sich in einer beson­deren Genauigkeit. Kom­pro­miss­los brennt er die unre­tuschierte Wahrheit auf das Fotopa­pier, so dass nur noch Raum für absolute Wahrhaftigkeit bleibt. Kein Makel wird verhüllt, alle Spuren, die das Leben ins Gesicht geze­ich­net hat, wer­den offen gelegt. So wird nicht nur eine faszinierend präzise Ober­flächen­struk­tur sicht­bar, son­dern der Betra­chter erhält den Ein­druck, durch den Blick des Por­traitierten in dessen Inner­stes schauen zu kön­nen. Recht auf Ein­sicht! Die Augen der Por­traitierten wer­den von Har­ald Schwarz manch­mal wie Versatzstücke einge­setzt, muten selt­sam fremd an, porzel­la­nen, blind – und manch­mal leuchten sie stechend scharf aus den nur schein­bar mehr und mehr ins Unscharfe glei­t­en­den Gesichtern, die von tiefem Schwarz umhüllt sind, und geben so Ein­blick in die Per­sön­lichkeit der Abgelichteten. In ihrer Präzi­sion suchen die Werke von Har­ald Schwarz ihres­gle­ichen. Seine Por­traits sind sphärisch, Auguren­gesichter, arretiert in einer Zwis­chen­welt, kom­pro­miss­los, den­noch luzid und flüchtig zugle­ich, in ihrer Detail­treue ebenso atem­ber­aubend wie in ihrer magis­chen Gesamtwirkung als zeit­genös­sis­che Iko­nen des men­schlichen Antl­itzes. Har­ald Schwarz gelingt es, in der Verbindung von Fotografie und malerischer Umset­zung eine inten­sive Bild­wahrnehmung zu erzeu­gen, die sowohl dem Betra­chter unvergesslich bleibt als auch die Dargestell­ten in ein Abbild von zwin­gen­der Gültigkeit überführt. Frozen­Faces, einge­froren wie die Ver­räter im Eis­see Cocy­tus, dem 9. und tief­sten Kreis der Hölle in Dantes Com­me­dia. Mora­to­rien. Einzel­haft bis zum Jüngsten Gericht. Auf eine Erlö­sung wartend, wo keine Erlö­sung? Oder wer­den unsere Blicke von Erlösten erwidert?

Was wir hier sehen, ist etwas Orig­inäres, zugegeben, in der besten Tra­di­tion der Foto­re­al­is­ten und deren God­fa­ther Chuck Close, aber den­noch etwas vol­lkom­men Eigen­ständi­ges. Nicht oft passiert es, dass wir auf unserer Reise durch den Raum und die Zeit, die uns gegeben sind, innehal­ten und für ein paar Augen­blicke ver­weilen. Die Werke von Har­ald Schwarz sind dazu imstande, uns anzuhalten.

(Auszug aus der Vernissagerede: Thomas Schiretz)